Interview mit alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz

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Herr Merz, was hat Sie bewogen, sich im Vorstand der Patenschaft für Berggemeinden zu engagieren?

Viele Berggemeinden kämpfen hart für ihre Lebensqualität. Bauten für Strassen, Wasserleitungen, Gefahrenschutz oder Einrichtungen für Jugend und Alter sind oft finanzielle Kraftakte. Gemeinnützige Unterstützungen sind daher willkommen. Die Mittel der Patenschaft fliessen dabei in Gegenden, die durchwegs zu den landschaftlich reizvollsten unseres Landes gehören. Ausgewogen bewohnte Berggebiete bedeuten ein immenses Kapital für die Schweiz. Es reizt mich, an dieser besonderen Art der «Kapitalbildung» mitzuwirken.

 

 

Sie stecken schon mitten in der Arbeit für die Patenschaft. Welche Projekte beschäftigen Sie?

Die Patenschaft ist keine Geldverteilerin. Sie ist eine prüfende, abwägende Organisation mit klaren Vergabe- und Einnahmenregeln. Die Patenschaft ist gut organisiert und gut geführt. In einem ersten Schritt konnte ich mich von diesen Qualitäten überzeugen. Ich habe auch festgestellt, dass sich Vorstand und Experten gedanklich in die Lage der Gesuchsteller versetzen, sich also mit ihrer Aufgabe identifizieren. Das gefällt mir.

 

 

«Solidarität zwischen Berg und Tal» ist das Motto der Patenschaft – wie können Sie hier vermitteln?

Die Patenschaft beurteilt die Anliegen und Bedürfnisse der Berggemeinden. Sie muss Prioritäten setzen. Ziel jedes Projektes ist der optimale Nutzen für die Gemeinschaft. Der Weg besteht nicht im blossen Aktenstudium, sondern auch im persönlichen Gespräch an Ort und Stelle.Auf der anderen Seite muss man sich aber auch in die Haut möglicher Spender versetzen und fragen: Was bewegt sie, unsere Berggemeinden zu unterstützen? Wie vermitteln wir ihnen die Sicherheit, dass ihr Geld wirklich gut angelegt ist? Wie können wir sie zur Spende ermuntern?

 

 

Auch Sie leben in einem Bergkanton. Was bedeuten Ihnen die Berge? Was heisst für Sie Heimat?

Mein Leben ist trotz vieler Auslandaufenthalte untrennbar mit dem Appenzellerland verbunden. Der Wohnkanton bedeutet mir zwar Arbeit und Arbeitsplätze. Aber hier ist vor allem auch die Liebe zu den Bergen gewachsen und damit verbunden sind Erholung, Freiheit, kultureller Reichtum. Der Kulturhistoriker Will Durant sagte einmal, die Kultur beginne in der Bauernstube, aber sie blühe in den Städten!

 

 

Stichwort «alpine Brache»: Es wurde schon die Meinung vertreten, man solle strukturschwache Bergregionen sich selbst überlassen oder sogar teilweise Infrastrukturen rückbauen. Was halten Sie davon?

Nicht jeder «Krachen» ist erhaltenswürdig. Wir dürfen nicht heimatschützlerisch im rigiden Sinn sein. Aber manche Strukturschwäche von Lebensgemeinschaften in den Bergen kann mit einem «Kick» durchaus behoben werden. Auch die Bedeutung von regionalen Subzentren, also mittelgrossen Gemeinden mit gebirgigem Einzugsgebiet darf man nicht unterschätzen. Sie sorgen quasi für das Geben und Nehmen zu den nahen Gegenden. Sie bilden nicht zuletzt die Brücken zu unseren urbanen Zentren.

 

 

Wo sehen Sie die grösste Herausforderung für das Berggebiet?

Volkswirtschaftlich gesprochen geht es um das Finden und den Erhalt von konkurrenzfähigen Arbeitsplätzen. Berggemeinden sollen aber auch als Lebensraum attraktiv bleiben. Das bedingt ein gutes Angebot an Versorgung sowie an gesellschaftlichem, sportlichem und kulturellem Leben. Der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein. Er will das Leben auch in Fröhlichkeit geniessen. Berggemeinden haben viel Geschick im Einsatz ihrer beschränkten Ressourcen.

 

 

Sie waren lange als Unternehmensberater tätig. Können Sie diese Erfahrung einbringen, wenn Sie in unterstützungsbedürftige Projekte hineinsehen?

Mein Blick für das Machbare von Gemeinwesen ist viel eher in der Politik geschärft worden. Als Finanzminister ist man praktisch täglich mit solchen Fragen konfrontiert. Die meisten Besucher in Bern hatten es in dieser oder jener Form auf den Geldsäckel abgesehen. Da gilt es, Kriterien zu haben, diese anzuwenden und am Ende klar entweder «ja» oder «nein» zu sagen. In der Patenschaft geschieht dies in unverkrampftem und ernsthaftem Geist.

 

 

Für die Patenschaft ist es wichtig, ihre Basis, die Gönnerinnen und Gönner – auch zukünftige – für die Sorgen und Nöte der Bergbevölkerung zu sensibilisieren. Was können Sie dazu beitragen?

In erster Linie durch Mitwirkung im Vorstand. Hier wie in der Geschäftsstelle wird solide Arbeit geleistet. Das schafft Vertrauen. Auf diesem Boden erklären wir der Bevölkerung die Patenschaft für Berggemeinden als einen grossen, gemeinnützigen Verbund von hilfsbereiten, positiv denkenden Menschen. Wo Überzeugendes entsteht, kommen die Gönner fast von selber.

 

 

Das heisst, dass Sie jetzt, nach Ihrer Zeit im Bundesrat, als Botschafter unterwegs sind?

In gewisser Weise schon. Die Patenschaft vereinigt zahlreiche hochverdiente Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Armee. Freiwillig und ehrenamtlich einem herrlichen Land zu dienen, ist den einen oder anderen Besuch in einer Berggemeinde wert. Kurz, es bedeutet mir auch Freude und Ehre. Oder wie sagte noch Carl Spitteler im Gedicht: «drum dien’ ich froh, drum leist’ ich gern».